Hinter eines Baumes Rinde ...
Da wir gerade auf einem Nostalgie-Tripp sind, legen wir Euch diesmal Heinz Erhardt ans Herz. Viele kennen ihn als Schauspieler der Nachkriegszeit, doch seine wahren Qualitäten spielte er in seinen humoristischen Gedichten und Kurzgeschichten aus. Wir haben ein paar Gedichte und Kurzgeschichten gesammelt, die Euch sicher ein Lächeln ins Gesicht zaubern werden. Wer nicht genug von Heinz Erhardt bekommen kann, dem empfehlen wir wärmstens " Das große Heinz Erhardt Buch".
Wieso ich Dichter wurde ... Als ich das Gaslicht der Welt erblickte, war ich noch verhältnismäßig jung. Meine Eltern waren zwei Stück, und mein Vater war sehr reich: Er hatte zwei Villen, einen guten und einen bösen. Und eines Tages - es war sehr kalt, und ich fror vor mich hin, denn nicht nur meine Mutter, sondern auch der Ofen war ausgegangen - teilte sich plötzlich die Wand, und eine wunderschöne Fee erschien! Sie hatte ein faltenreiches Gewand und ein ebensolches Gesicht. Sie schritt auf meine Lagerstatt zu und sprach also: "Na, mein Junge, was willst Du denn einmal werden?" Ich antwortete - im Hinblick auf meine ziemlich feuchten Windeln: "Ach, gute Tante, vor allem möchte ich gerne 'dichter' werden!" Das hat die Fee missverstanden ...
Der Fischer
Das Meer ist angefüllt mit Wasser
und unten ist's besonders tief,
am Strande dieses Meeres saß er,
d. h. er lag, weil er ja schlief.
Und nun nochmal: Am Meere saß er,
d. h. er lag, weil er ja schlief,
und in dem Meer war sehr viel Wasser
und unten war's besonders tief.
Da plötzlich teilten sich die Fluten
und eine Jungfrau kam herfür,
auf einer Flöte tat sie tuten,
das war kein schöner Zug von ihr.
Dem Fischer ging ihr Lied zu Herzen,
obwohl sie falsche Töne pfoff---
man sah ihn in das Wasser stürzen, dann ging er unter und ersoff.
Der Maus
Der Maus ihr Gatte wurd geschnappt
von einer Mausefalle,
nun war - verdammt und zugeklappt! -
er mausetot für alle.
Die Trauerrede für'n Gemahl,
sie gipfelte im Satze:
"Viel schneller ging's in jedem Fall mit Falle - als mit Katze!
Die Made
Hinter eines Baumes Rinde Wohnt die Made mit dem Kinde.
Sie ist Witwe, denn der Gatte,
Den sie hatte, fiel vom Blatte.
Diente so auf diese Weise Einer Ameise als Speise.
Eines Morgens sprach die Made:
"Liebes Kind, ich sehe gerade
Drüben gibt es frischen Kohl,
Den ich hol. So leb denn wohl!
Halt noch eins! Denk, was geschah, Geh nicht aus, denk an Papa!"
Also sprach sie und entwich.
Made junior aber schlich
Hintendrein, und das war schlecht!
Denn schon kam ein bunter Specht
Und verschlang die kleine fade Made ohne Gnade. Schade!
Hinter eines Baumes Rinde Ruft die Made nach dem Kinde ...
Das Lama
In dem Land des weisen Brahme
lebte jahrelang ein Lama,
dem es niemals wollte glucken,
weit im Bogen auszuspucken.
Schrecklich litt es seelisch wegen
diesem seinem Unvermögen;
und die Tränen warn ihm nah,
wenn es andre spucken sah.
Heimlich übte es im Sitzen
oder Stehn, den Mund zu spitzen,
um dann zielgerecht durch dessen
Spalt den Strahl hinauszupressen;
doch selbst in bequemster Lage
förderte es nichts zutage.
Und - so endet dieses Drama -
schließlich musste unser Lama
vor den Thron des Brahma traben, ohne je gespuckt zu haben.
Onkel Harry
Onkel Harry wohnte im achten Stock, weil im siebten schon jemand anders wohnte. Er hatte eine schöne Wohnung - mit Zimmern drin und Wänden an den Seiten. Es grenzte aber nicht nur ein Zimmer an das andere, sondern schon fast an Wahnsinn, wie viele Bilder seine Nägel zierten. Auch schöne Radierungen hatte er - besonders in den Geschäftsbüchern, wie er oft scherzhaft zu bemerken liebte. Von seiner Frau, meiner Tante Luise, sagte er immer, ihre EItern hätten, als sie noch ein Baby war, sehnsüchtig darauf gewartet, dass sie endlich sprach - nun wartete er ebenso sehnsüchtig darauf, dass sie endlich einmal damit aufhöre! Alle liebten Onkel Harry, weil er humorvoll war, und unzählbar waren seine Freunde, solange er Geld besaß. Bevor er völlig verarmt in seinem Rauchzimmer - er nannte es so, weil dort der Ofen immer so rauchte - starb, schrieb er doppelzüngig in sein Tagebuch: "Ich hatte mehr Freunde, als ich verdiente ...!" |
 |
|